Spannungen messen

WIAP MEMV · Wissen

Spannungen messen: Methoden im Überblick

Beim Schweissen, Giessen, Schmieden oder Zerspanen entstehen im Werkstück Eigenspannungen. Sie verringern die Belastbarkeit und führen bei der weiteren Bearbeitung zu Verzug. Für das Metall entspannen mit Vibration ist das Messen während des Prozesses der wichtigste Teil der Durchführung.

Die WIAP misst an vielen Stellen eines Bauteils und wertet die Werte aus. Die Ergebnisse sind heute sehr aussagekräftig. So erkennen wir auch bei geglühten Teilen genau, wie sie sich von ungeglühten unterscheiden. Flammgerichtete und andere Werkstücke, die man normalerweise nicht glühen kann, entspannen wir mit WIAP MEMV. Bei allen Werkstücken gehören die Messresultate dazu.

Übersicht der Methoden

MethodePrinzipBauteil bleibt ganz?Geeignet für
Bohrlochmethodekleines Loch bohren, Dehnung mit Messrosette messenfast (kleines Loch)einzelne Punkte
Röntgen (sin²ψ-Verfahren)Abstand der Netzebenen im Kristallgitter bei verschiedenen KippwinkelnjaOberfläche, Labor
Barkhausenrauschenmagnetisches Rauschen ändert sich mit der Spannungjanur magnetische Werkstoffe, Oberfläche
Cut-ComplianceVerlauf über einen ganzen Querschnitt durch schrittweises Einschneidennein (Schnitt)grössere Objekte, auch vor Ort
Neutronen (POLDI, PSI)Neutronenbeugung, ortsaufgelöst tief im BauteiljaForschung, Schweissnähte
StressvisionScannen und Darstellen von Spannungsfeldern als 2D- und 3D-Kartejaferritische Legierungen, bis ca. 12 bis 15 mm Tiefe
Abtragen (in Abklärung)Material wird schrittweise abgetragen, die Verformung des Bauteils wird gemessen und die Spannung daraus zurückgerechnetnein (Material wird abgetragen)Spannungsverlauf in die Tiefe, dürfte zu den genauesten Verfahren gehören
G-Verschiebung (WIAP MEMV)Beschleunigung am selben Messpunkt vor und nach dem Vibrieren vergleichen, mit bis zu 21 Sonden gleichzeitigjaganzes Bauteil, viele Zonen gleichzeitig, 8 Richtungen, im Prozess

Weitere Methoden

Bohrlochmethode: Ein kleines Loch wird gebohrt, eine Dehnungsmessrosette misst, wie sich das Material um das Loch herum entspannt. Genau, aber nur punktuell.

Grenzen der Bohrlochmethode: Ein Bohrloch zeigt die Spannung nur an genau dieser einen Stelle. Wie soll man an einer Walze von 20 Meter Länge mit einer einzigen kleinen Bohrung irgendwo am Bauteil erkennen, ob das ganze Teil entspannt ist? Darum misst die WIAP am ganzen Bauteil und an vielen Stellen, zum Beispiel mit der G-Verschiebung. Zudem haben wir noch weitere Methoden, die wir laufend erproben.

Röntgen, sin²ψ-Verfahren: Die wichtigste zerstörungsfreie Methode. Eigenspannungen verzerren die Elementarzelle des Kristallgitters. Kippt man die Probe um den Winkel ψ, reflektieren auch Netzebenen, die nicht parallel zur Oberfläche liegen. Aus der Verschiebung der Reflexe berechnet man die Spannung an der Oberfläche.

Barkhausenrauschen: Die WIAP (Hans-Peter und Caroline Widmer) hat vor einigen Jahren bei der EMPA angefragt, ob man gemeinsam Spannungsmessungen machen könne. Nach Besuch und Austausch brachte die EMPA die Idee, ein Barkhausenrauschen-Gerät dafür einzusetzen. Bis dahin kannten wir das Verfahren nicht.

Cut-Compliance: Damit lassen sich Eigenspannungsverläufe über einen ganzen Querschnitt eines Bauteils effizient messen, auch an grösseren Objekten direkt vor Ort.

POLDI am Paul Scherrer Institut (PSI): Ein Neutronen-Diffraktometer für ortsaufgelöste Eigenspannungsmessungen in technischen Bauteilen. 2018 hat die WIAP dort drei Teile vergleichen lassen: spannungsarm geglüht, mit MEMV entspannt und unbehandelt. Auffällig: Die Schweissnaht im geglühten Teil (650 °C, 2 Stunden) war viel weicher geworden, obwohl nur spannungsarm geglüht und nicht weichgeglüht werden sollte. Verschiedene Schweissdrähte reagieren unterschiedlich: einer verliert seine Härte schon bei 550 °C, ein anderer erst bei 650 °C.

Stressvision: Scannt, wertet aus und zeigt Felder mechanischer Spannungen (Rest- und technologische Spannungen) in ferritischen Legierungen als 2D- und 3D-Karten, in Schichten bis etwa 12 bis 15 mm Tiefe.

Abtragen (in Abklärung): Uns ist ein weiteres Verfahren bekannt, das zu den genauesten gehören dürfte. Dabei wird am Bauteil Material Schicht für Schicht abgetragen. Weil sich die Spannungen mit jeder Schicht neu verteilen, verformt sich das Bauteil ein wenig. Diese Verformung wird genau gemessen, und daraus lässt sich der Verlauf der Eigenspannungen in die Tiefe berechnen. Wir klären das Verfahren zurzeit ab und berichten, sobald wir mehr wissen. Daneben haben wir noch weitere eigene Methoden.

Untersuchungen

Bachelorarbeit Fachhochschule Windisch, 2011Studiengang Maschinenbau, Produktionstechnik. Die Röntgendiffraktometrie zeigte, dass Vibrationsentspannen sowie Vibrieren während des Schweissens die Spannungen um bis zu 25 % senkt. Metallografie und Neutronendiffraktometrie brachten damals kein eindeutiges Ergebnis.
Zwischenbericht Vietnam, 2014Forschungsprojekt zu einem Restspannungs-Messgerät auf Basis von Stressvision 2.05, Zentrum für zerstörungsfreie Prüfung, Institut für Atomenergie Vietnam. Der Bericht enthält mehrere Messmethoden, die wir in unsere Einzelinfos übernommen haben. Danke an die vietnamesischen Kollegen. Nur eine offene Politik hilft, das Thema Eigenspannungen besser zu überblicken.

Zum Schluss: unsere WIAP MEMV G-Verschiebungs-Methode

Mit der Bohrlochmethode misst man nur an einzelnen Punkten. Die WIAP-Prüfmethode Typ A, die G-Verschiebung, spart viel Zeit: Sie zeigt am ganzen Bauteil, an beliebigen Stellen, wo Spannungen sind und wo nicht.

Die G-Werte wandernam immer gleichen Messpunkt: Es hat Spannungen im Bauteil.
Die G-Werte bleiben stabilvor und nach dem Prozess gleich: Es sind keine Spannungen mehr vorhanden.

Die Erklärung: Bei Spannungen suchen sich die Atome während des Vibrierens den bequemsten Weg und verschieben sich. In einem spannungsfreien Bauteil sind sie schon am richtigen Ort, das Kristallgitter ist nicht mehr verzerrt, also verschiebt sich nichts mehr.

Die Stärke der G-Verschiebung: bis zu 21 Sonden und 8 Richtungen
An unser Steuergerät lassen sich bis zu 21 Sonden anschliessen. So messen wir gleichzeitig an sehr vielen Zonen eines Bauteils und erkennen genau, wo sich die Werte verändern. Zusammen mit dem Vibrieren in 8 Richtungen werden so auch Spannungen «ertappt», die an einer einzelnen Messstelle verborgen blieben. Das dürfte eine besonders gute Art sein, ein ganzes Bauteil zu beurteilen, gerade bei grossen Teilen wie langen Walzen oder Schweisskonstruktionen.
So zeigt das Bauteil, dass es Spannungen loslässt
Ein Bauteil mit Spannungen ist wie «verkrampft». Löst sich diese Verkrampfung beim Vibrieren, also die Spannungen, sieht man das an drei Werten im Steuergerät:
WertVeränderungBedeutung
G-Wert (Beschleunigung)▲ steigtDas Bauteil schwingt freier, weil die Spannungen nachlassen.
Ampere (Motorstrom)▼ sinktDer Erreger muss weniger gegen das Bauteil arbeiten.
Drehzahl▲ steigt minimalDer Erreger läuft leichter.
Genau diese Veränderung zwischen dem Wert vorher (V) und nachher (N) nennen wir die Verschiebung. Bleiben alle drei Werte stabil, ist das Bauteil entspannt. Wie man das im Protokoll liest, zeigt die Seite MEMV-Praxis und Protokolle.
Bewusst ausserhalb der Resonanz: Die WIAP arbeitet nicht im Resonanzbereich. Kommt der Erreger in eine Resonanzzone, werden die Verschiebungen grösser. Diese Ausschläge haben aber nichts mit dem Entspannen zu tun, sie stören nur das Bild. Ausserhalb der Resonanz dagegen zeigen G-Wert, Ampere und Drehzahl zuverlässig, was im Bauteil passiert. Das ist ein wichtiger Unterschied zum klassischen VSR-Verfahren, das gezielt in oder knapp unter der Resonanz arbeitet.

Die Verstellung der Exzenterstufen, mit der wir zuerst mit grosser Kraft bei tiefer Drehzahl und danach mit kleinerer Kraft bei höherer Drehzahl vibrieren, ist zum Patent angemeldet: Schweizerische Patentanmeldung Nr. 250/2024, Exzenterverstellung.

Die WIAP hat seit 2014 mehrere Hundert Messungen gemacht. Die Methode wurde Anfang 2017 zum Patent angemeldet. Es gibt nur wenige Messmethoden, die zerstörungsfrei, an vielen Stellen und zu tragbaren Kosten messen. Viele Verfahren funktionieren nur bei magnetischem Material. Die WIAP arbeitet daran, die G-Verschiebung auch für nicht magnetische Werkstoffe nachzuweisen.

Siehe auch: MEMV-Praxis und Protokolle · Lohnarbeit · Fragen und Antworten